Lemmy Caution gegen Alpha 60

(Frankreich 1965)

Lemmy Caution war eine literarische Figur der 1950er, erfunden von einem britischen Autor für eine Reihe von Kriminalromanen, die es sehr schnell auf die französischen Leinwände schaffte. In den Filmen wurde sie praktisch immer vom Exilamerikaner Eddie Constantine gespielt, der dabei einen Charakter schuf, der den des James Bondes eines Sean Connery voraus nahm[1]. Die in diesen Filmen enthaltenen Filmprügeleien hatten Kultstatus. Entsprechende Erwartungen bestanden bei den deutschen Finanziers dieses Films, doch in Deutschland zückte man beim Wort Film einfach nur das Scheckbuch. Jean-Luc Godard hatte diese Problematik ja bereits in seinem Film Die Verachtung zum Thema gemacht, jetzt nahm er sich des ganzen Genre an und dekonstruierte es zusammen mit dem Mythos der Technokratisierung des Fortschritts. 

Die hypermoderne Innenstadt von Paris mit ihrer brutalistischen Architektur aus Glas und Stahl gibt in diesem Film das Zentrum einer galaktischen Großmacht, das die umliegenden Außenbereiche kulturell existenziell bedroht. Ja, Philip K. Dick wartet bereits hinter der nächsten Ecke und das, was uns Godard hier als Dystopie präsentiert ist leider auch für uns schon als Bedrohung spürbar. Schlug sich im deutschen Heftromanmarkt im Jahr zuvor noch ein Perry Rhodan mit dem Robotregenten auf Arkon III herum, so macht sich hier der Agent 003 Lemmy Caution auf den Weg nach Alphaville um einen verschwundenen Kollegen Henri Dickson (Akim Tamiroff) zu finden, den Rechner Alpha 60 auszuschalten und seinen Erfinder Professor Braun (Howard Vernon) zu neutralisieren. Bei seiner Suche nach diesem stößt er auf dessen Tochter Natasha (Anna Karina) und erkennt, wie Alpha 60 über die Menschen in Alphaville herrscht, der lässt alle Menschen die nicht strikt logisch denken und Emotionen zeigen liquidieren. Alpha 60 lässt, ganz nach dem Vorbilde Orwells 1984 täglich die „Bibel“, die alle jetzt noch zulässigen Wörter enthält, in jedem Zimmer austauschen. Doch im direktem logischem Duell bezwingt Lemmy Danger dann Alpha 60, das sich beim Versuch ein Paradoxon zu verstehen, selbst vernichtet. Die Bürger von Alphaville müssen sich jetzt wieder lernen sich selbst ihres eigenen Verstandes zu bedienen, entsprechend torkelt Natasha mit ihm in die Freiheit. 

Godard überlädt sein Werk immer mit Gedanken, aber die Namensgebung des menschlichen Gegenspielers von Braun ist offensichtlich, war doch Wernher von Braun ein Technokrat allererster Güte, ihm ging es um den technischen Fortschritt, dem Griff nach den Sternen, oder zu mindesten nach den Planeten, was das den einzelnen Menschen kostete war ihm relativ egal, er arbeitete mit den Leuten, die ihm diese Forschung ermöglichte, sei es Wehrmacht, SS oder US-Army, ein Elon Musk oder Richard Branson, die so mit Geld um sich schmeißen konnten, gab es seit dem ersten Weltkrieg ja nicht mehr.

 Dieser Film ist auch als ein SF-Film zu lesen, aber als Autorenfilm kam er mit einem minimalen Budget aus, Der Rechner ist eine Infrarotheizlampe vor einem Ventilator und die Stimme ist ein Mensch mit einem Vokoder, einer Sprechhilfe für fehlende Kehlköpfe. Nichtsdestotrotz beendete dieser Film faktisch die Filmkarriere Eddie Constantines als Lemmy Caution[2] und der Film, der fast nichts mit dem den deutschen Finanziers vorgelegten Exposé gemein hatte, war dort ein gewaltiger Flop. Die Deutschen Finanziers klagten auf Rückerstattung ihrer finanziellen Einlagen, mit einem Großen Preis bei den Berlinale konnten sie wenig anfangen. 

Bildgewaltig war er aber auf alle Fälle – die Erschießung von Dissidenten in einem Schwimmbad nach der Deklamation ihrer „verdammenswerten“ Phrasen und die leeren Straßen im brutalistischen Paris brennen sich ins Gedächtnis.

[1] Es ist auffällig, dass das, was die klassischen EON-James Bond Filme ausmacht bereits in allen möglichen europäischen Filmen voraus genommen worden ist, sei es der Überverbrecher in einem für die damalige Zeit durchgestyltem Setting mit der Wiederaufnahme der Doktor Mabuse Filme durch Fritz Lang mit den 1000 Augen des Doktor Mabuse und dem Remake des Testament des Doktor Mabuse von 1960 sowie der leichten Ironisierung des Kriminalfilmes durch die deutschen Edgar Wallace Filme der 1960er wie Der Frosch mit der Maske mit ihrer festen Besetzung um Schauspieler wie Heinz Drache, Joachim Fuchsberger, Eddie Arent und Klaus Kinski. 

[2] Er spielte die Rolle erst wieder 1980 und dann natürlich nocheinmal für Godard 1990 in Deutschland Neu(n) Null.

IMDB-Link:
https://www.imdb.com/title/tt0058898/reference/


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