Baby Face

(USA 1933) 

Bei diesem Film stellt sich die Frage, welche Fassung man sehen will. Da gibt es zum einem die, die dem Publikum jahrelang präsentiert wurde mit einer Heldin, die sich am Ende finanziell für ihren Gatten opfert, und dann die, die ursprünglich 1933 gedreht wurde und dann nur in wenigen Kinos gesehen werden konnte, weil die von der Heldin vertretene Moral, so meinten es jedenfalls die örtlichen Zensoren, nicht zugemutet werden konnte. Ich hege starke Zweifel daran, dass es diese Fassung jemals in einer synchronisierten Fassung ein deutschsprachiges Publikum erreicht hat, deswegen wird diese jetzt als Basis der Besprechung dienen.

 Es wird in dieser Fassung sehr schnell offensichtlich, dass Lily Powers (Barbara Stanwyck) mehr als nur Kellnerin in der illegalen Kneipe ihres Vaters ist, als sie ihrer Freundin und Vertrauten Chico (Theresa Harris) den Job rettet, nur um dann als Animiermädel[1] keine weiteren körperlichen Berührungen durch einen örtlichen Politiker mehr ertragen zu wollen. Dass ihr Vater nur Minuten später bei einem Unfall in der Schwarzbrennerei stirbt, befreit sie von diesem Zwang sich dermaßen ausbeuten zu lassen. Im Gespräch mit einem Bekanntem, einem Hinterhofphilosophen und Vertreter der Denkschule Nietzsches erkennt sie, dass die es besser in der Großstadt New York als in einem örtlichem Nachtclub, wo man ihr einen Job als Tänzerin angeboten hat, versuchen sollte.

 Also versucht sie ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und begibt sich, ganz uramerikanisch mit Chico als blinder Passagier[2] nach New York. Dass man im Zug natürlich noch einen Bremser bestechen muss, das störte nur die Zensoren, nicht aber Lily, die genau weiß, wie man den weiblichen Körper als Schmiermittel verwendet. Damit ist der Ton für den weiteren Aufstieg Lilys in New York gesetzt. Ihr Blick beginnt beim Schaufenster eines hochkarätigen Geschäfts in der 5th Avenue, streicht über den daneben liegenden Eingang zu einer Bank und streicht den Wolkenkratzer hoch – da oben will sie ankommen, also macht sie sich an einen der Angestellten heran, dann an dessen Chef, bis hinauf zum Vizepräsidenten der Bank, der dann, um über den Folgen eines ihrer weiteren Aufstiege Gras wachsen zu lassen nach Paris versetzt wird. 

Doch dann gerät die Bank in eine existenzielle Krise, und ihre letzte Eroberung (George Brent) braucht eine Million um einen Bankrott abzuwenden. Sie hätte das Geld, weil sie es sich aber mühsam erschlafen hat, zögert sie sehr lange, bis sie sich dazu durchringen kann und dann hat er schon versucht sich das Leben zu nehmen. Im Krankenwagen neben dem Schwerstverletzten wird ihr der wahre Wert materiellen Besitzes klar, und das ist ein optimistisches Ende.

Es nimmt kein Wunder, dass Zensoren dieses Ende nicht mochten – ein Loblied auf den Egoismus, sexuelle Selbstbestimmung und dann noch eine schwarze Schauspielerin als engste Vertraute einer moralisch verwerflichen Antiheldin – dieser Film brauchte einen anderen Schluss, und den hatte er für über ein dreiviertel Jahrhundert. Lily zahlt ihrem Mann die Schulden sofort und zieht mit ihm wieder in ihre Heimatstadt um dort als braves Heimchen am Herd zu leben, alle Anspielungen an außerehelichen Sex sind natürlich auch zu entfernen, und so nebenbei schlug auch noch der alltägliche Rassismus zu – Theresa Harris als Schwarze wird in den Credits natürlich nicht genannt.


[1] Ja, ich fasse den Begriff hier in seiner finstersten Bedeutung, die den Job der Hauptdarstellerin in Ophüls Ohne ein Morgen noch ins Horizontale  weiterführt. 

[2] William A Wellman hat diese Art des “Reisens“ ja auch in Bettler des Lebens 1928 beschrieben und der gnadenlose Aufseher, der gegen Hobos brutal vorgeht ist eine Trope.

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt0023775/reference/

Die Indexierung befindet sich hier: https://verfuehrungzumfilm.wixsite.com/exkursionen/post/baby-face

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