Vogelfrei

(Frankreich 1985) 

Nur ein Toter kann seine eigne Geschihte erzählen meint Billy Wilder am Amfang von Sunset Boulevard als er den Film mit der von unten gesehenen Leiche William Holdens beginnen läßt, und Agnes Varda beginnt auch diesen Film auf diese Weise. Die Leiche einer Obdachlosen (Sandrine Bonnaire) wird erfroren in einem Weinberg im Süden Frankreichs gefunden und Agnes Varda als Erzählerin knallt uns die absoluten Basics aus den polizeilichen Ermittlungen um die Ohren, Name, Geschlecht, natürliche Todesursache und dann in einem knappen Dutzend Vignetten aus ihrem Leben zu erklären, wie sie an diesen Punkt gekommen ist. Von einem grenzenlosem Freiheitsdrang getrieben hat sie das geregelte kleinbürgerliche Leben verlassen, um mit einem Rucksack und einfachem Zelt sich ziellos durch das Leben treiben zu lassen, wobei sie sich bei Bedarf als Wanderarbeiterin tageweise durchschlägt und vor allem bei Zigaretten und Gras durchschnorrt.

Dabei wird uns der untere Rand der Gesellschaft in einem nicht romantisch verklärtem Blick gezeigt. Alles, was wir von der Herumtreiberin erzählt bekommen, müssen wir mit Vorsicht genießen, denn jeder hat seine eigene Agenda, „Alle Menschen lügen“ ist das Motto von Doktor House und jeder Nachrichtendienstler wird ihm da zustimmen, selbst unsere Protagonistin gibt diese Erkenntnis einer ihrer freundlichen Mitnehmer (m/w/d) zum besten. Wir sehen sie bei Feld- und Ladearbeiten, beim gemütlichem Gammeln, wie sie mit ihrem schroffem, egozentrischen Wesen andere vor den Kopf stößt und bleibt dabei doch immer eine liebenswerte Person, auch wenn sie peripher in kleinere Gaunereien mit hereingezogen wird.

Vogelfrei[1] bedeutet natürlich auch, dass sie Freiwild ist und ja, sie wird fast aufs Stichwort vergewaltigt, was ihr aber anscheinend nicht sonderlich zusetzt, aktiv fliehen tut sie nur, wenn man ihr eine feste Stellung anträgt, das einzige Mal wo sie sich offensichtlich erniedrigt fühlt, ist wenn die marokkanischen Landarteiter (Yahiaoui Assouna) nicht wollen, dass sie mit dem Tunesier in ihrem gemeinsamen schäbigen Quartier bleiben darf. Als ihr der zum Hirten gewordene Akademiker hingegen den Kopf wäscht, dass sie ihre Fähigkeiten wegen Arbeitscheuheit den Kopf wäscht, verlässt sie den als Unterkunft zur Verfügung gestellten Wohnwagen neben dem ihr überlassenem halbem Tagwerk Acker. Für andere Begegnungen wie der Unidozentin (Macha Méril) und der Tante (Marthe Jarnias)deren Schülers ist sie eine unterhaltsame Ablenkung. 

Sandrine Bonnaire trägt diesen Film, der sie zum Star gemacht hat, etwas was auch Agnes Varda selbst ein wenig überraschte, „denn ein Film, der über  ein gewaschenes Mädchen erzählt, das in einem Loch erfriert, führt bei Entscheidungsträgern nicht zur Begeisterung.“ Aber die Entscheidungsträger lagen falsch, es war einer ihrer erfolgreichsten Filme. 

Varda filmte diesen Film in relativ langen Einstellungen, die in Fahrten bisweilen dem Handlungszentrum vorweg laufen, durch kurze Interviews in und zwischen den Rückblenden unterbrochen werden und dann mit gleichen Einstellungen auf ähnliche, aber nicht identische Objekte fortgesetzt werden. In dieser Episodenstruktur erinnert der Film natürlich auch an ihren Erstling, Cleo zwischen 5 und 7, wie dieser ist auch der hauptsächlich on location gedreht, das spätwinterliche Braun auf den Feldern gibt die Melancholische Stimmung wieder und das falsche Blut vom Anfang findet zum Ende eine völlig logische, natürliche Erklärung. Man sollte halt seinen Frazer gelesen haben. 

[1] Im Original heißt der Film Sans toit ni loi, was man am Besten mit Ohne Religon und Gesetz übersetzen kann, was eben recht gut zu dem eher nihilistischen Charakter der Hauptdarsetllerin paßt.

IMDB-Link:  https://www.imdb.com/title/tt0089960/reference/

Die Indexierung befindet sich hier: https://verfuehrungzumfilm.wixsite.com/exkursionen/post/vogelfrei


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