Viridiana

(Spanien 1961) 

Mit diesem Film kehrte Luis Buñuel aus seinem Exil in Mexiko wieder nach Spanien zurück. Um Zuge einer kulturellen Öffnung des Franco-Regimes meinte dieses mit einem solchen Demonstrativen Schritt sein Standing in der Welt verbessern zu können, auch wenn der ultratraditionelle Franco selbst über diesen Schritt geflucht haben dürfte, war doch Buñuel mit seinen Filmen nicht sonderlich affirmativ mit der Institution Kirche umgegangen, wenn man an die leicht blasphemischen Szenen in seinen berühmten Erstlingen Der andalusische Hund und Das Goldne Zeitalter sehen kann. In seinen mexikanischen Filmen ist diese Haltung und das Zeigen der Irrelevanz von Frömmigkeit immer noch durchaus spürbar, man denke an den Würgeengel, auch wenn er die Aufrichtigkeit des Glaubens an sich durchaus achtet. Drehen konnte er in Spanien, aber der Film wurde wegen blasphemischen Inhalts in Spanien selbst erstmal verboten und er landete auf einer schwarzen Liste des Vatikans, was aber seiner internationalen Karriere keinen Abbruch tat, im Gegenteil. Dieser Film wird heute als sein drittsurrelatistischer angesehen und er ist der Eröffnungsfilm seiner europäischen Spätphase, was man auch an den Schauspielern bemerkt, denn es ist der Erste mit Fernando Rey, auch wenn noch Schauspieler aus seiner mexikanischen Phase wie Silvia Pinal und Franciso Rabal mitwirken. 

Silvia Pinal spielt die Novizin Viridiana, die kurz vor dem endgültigem Gelübde von ihrer Oberin noch einmal in die Welt hinausgeschickt wird, um ihren Onkel Don Jaime (Fernando Rey), der für ihre Ausbildung gesorgt hat, noch einmal zu sehen, angeblich ginge es dem nicht mehr so gut. Dieser lebt als Witwer, seine Frau ist in der Hochzeitsnacht gestorben, auf einem abgewirtschaftetem Gut zusammen mit einer Haushälterin (Margarita Lozano) und deren Tochter. Da Viridiana wie seine Frau aussieht, betäubt er sie um den Teil der Hochzeitsnacht nachzuholen um den ihn der Tod gebracht hat, tritt dann aber von der Tat zurück, behauptet ihr gegenüber aber das Gegenteil. Viridiana flieht, wird von der Polizei aufgehalten und zurück zum Gut gebracht, wo alle feststellen, dass Don Jamie sich aufgehängt hat und ein Testament verfasst hat, dass Viridiana und seinen unehelichen Sohn Jorge (Francisco Rabal) als gemeinsame Erben eingesetzt hat. Viridiana fühlt sich nicht mehr würdig um ins Kloster zu gehen und gemeinsam mit Jorge nimmt sie das Erbe an, immerhin kann man da ja versuchen die örtlichen Armen zu besseren Christen zu machen. Jorges Freundin Lucia (Victoria Zinny) ist von dem abgelegen Gut nicht sonderlich begeistert, Jorge aber sieht Potential, dieses Gut erfolgreich zu machen und der hat auch Augen für Viridiana, was dazu führt, dass Lucia wieder in die Stadt zieht. Die örtlichen Armen, von Viridiana in Gebetskreisen geführt nützen die Chance, als sowohl Viridiana, Jorge und Ramona einmal in die nahe Stadt fahren auch einmal auf den Putz zu hauen, statt einfach nur das Tafelsilber zu stehlen und Küche und Weinkeller zu plündern entscheiden sich die selbst einmal ein großes Fest zu feiern, bei dem sie mal so nebenbei Leonardo da Vincis Großes Abendmahl nachstellen. Das Fest wird zu einer dekadenten Orgie mit Vergewaltigung und Totschlag und als Jorge und Viridiana zurückkehren, werden auch sie von den noch nicht geflohenen Bettlern überwältigt und Viridiana droht eine Gruppenvergewaltigung. Zum Glück kommt die Polizei noch rechtzeitig an und verhindert das allerschlimmste. Nach ein paar Tagen langweilen sich Lucia und Jorge in ihrem Zimmer, als Viridiana ihre Isolation beendet, sie will nicht sprechen, aber Jorge holt die Spielkarten heraus – was will man denn sonst zu dritt in einem abgelegen Gut machen. Und das war schon das entschärfte Ende. 

So, wie Buñuel bereits in der ersten Szene auf dem Landgut Don Jaime zeichnet, nimmt er bereits die Szene des Kindermordes in Tagebuch einer Kammerzofe vorweg, auch hebt er den Schuhfetisch aus dem selben Film mit Einstellungen von Silvia Pinals Füßen hervor, die Armut lässt uns an Las Hurdas und Los Olivados denken und das vergewaltigen einer Nonne, das wird nocheinmal im Gespenst der Freiheit angesprochen. Aber der Höhepunkt ist die Orgienszene, bei der dann in Lumpen gekleidete Bettler mit Tischtüchern zu Händels Halleluja Schleiertänze aufführen, bis einer der blinde Bettler (Jose Calvo) Andre Bretons Bonmont von 1929 mit seinem Blindenstock umsetzt und alles in Stücke schlägt, während zwischen zwei Bettlern nicht unbedingt einvernehmlicher Geschlechtsverkehr stattfindet – in Hörweite von zwei kleinen Kindern. Nein, von Spanien zeigt dieser Film kein sonderlich schönes Bild – der alte Herr im Haus hat dieses heruntergewirtschaftet, der neue will es modernisieren, doch die Sozialpolitik der guten Abscichten scheitert krachend. Nein, Buñuel hat diesen Film nicht als Kritik an seinem Vaterlande gedacht, aber man kann diesen Film prinzipiell so lesen und das menschliche Wesen kann man nicht durch eine „höhere“ Moral verbessern – in der Hinsicht ist Buñuel ein pessimistischer Realist.

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt0055601/reference/

Die Indexierung befindet sich hier: https://verfuehrungzumfilm.wixsite.com/exkursionen/post/viridiana


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