Lucia und der Sex

(Spanien 2001)

Der Titel ist im Deutschen natürlich verkehrt, denn im Original ist er genau anders herum, erst kommt der Sex, dann die Lucia, aber eigentlich geht es um den Autoren Lorenzo, der erst den Sex hatte und dann Lucia kennenlernte. Aber es braucht eine Weile, bis wir Zuschauer merken, was hier gespielt wird. 

Eine Kellnerin, die titelgebende Lucia (Paz Vega) flieht vor der Angst über die Wahrheit über ihren Freund, der möglicherweise Selbstmord begangen hat auf eine der spanischen Inseln, nur um dort, ihr Alleinsein zu genießend, in eine Doline zu Fallen und sich sechs Jahre zuvor nach phantastischem Sex mit einem Unbekannten in einer mondbeschienenen Lagune als Elena (Najwa Nimri) wieder zu finden, eine Szene die dann hart auf einen unter Schreibblockade leidenden Madrider Schriftsteller Lorenzo (Tristána Ulloa) umzuschneiden, der bei einem Gespräch mit seinem Verleger dann von Lucia  in einer Kneipe angesprochen wird und sie in seine Wohnung abschleppt. Und dann stellen wir irgendwann fest, dass die Personen, die wir da auf der Leinwand sehen, nur die Figuren dieses Autors aus verschiedenen seiner Geschichten sind, die ganz nach den Wünschen des Verlegers und wahrscheinlich auch der Leser ganz viel Sex haben. Aber plötzlich sind wir wieder bei der Lucia vom Anfang, die vor der Wahrheit davon gelaufen ist und auf der Insel unterkommt und Elena trifft, die vor sechs Jahren von Lorenza geschwängert wurde. Von ihr und dem Kind hat Lucia nichts erfahren, wenn sie Lorenzo über seine Vergangenheit gefragt hat. Und dann ist da noch Belen (Elena Anaya), die er trifft, die Tochter eines Pornosternchens, die als Kindermädchen für Elenas Tochter arbeitet, auch mit der landet er im Bett, wobei auch hier immer die Initiative von ihr ausgeht. Aber wie es sich für eine richtig dramatische Geschichte gehört, wird seine Tochter von Elenas Hund getötet, was bei ihm eine Depression auslöst. Diese führt dann zu seinem Zusammenbruch, mit dem wir wieder am Anfang des Filmes wären. Und nein, er beging keinen Selbstmord, er hatte nur einen schweren Unfall und reimt sich dann aus den Informationen, die er von seinem Verleger erhält zusammen, wo sich Lucia, seine Muße aufhält. Ob die beiden Frauen mit ihm dann wirklich eine Menage a Trois[1] eingehen, wie es uns der Film erzählt bleibt als Fiktion offen. 

Der Film steht mit dieser Sicht auf den Schreibprozess eines Schriftstellers natürlich ganz in der Tradition des Noveau Roman eines Robbe-Grillets, dessen Film Trans-Europ-Express sich ja auch mit dem Zurechtbiegen einer Romanhandlung beschäftigt. Die Handlung setzt sich erst im Kopf des Betrachters zusammen, Regisseur Julio Medem wirft uns Brocken hin, die plötzlich viel später einen Sinn ergeben und uns erahnen lassen, wie ein Schriftsteller arbeitet. Eine kurze Einstellung mit einem aggressiven Hund im Fernseher einer Kneipe verbindet sich mit dem tragischem Tod einer Figur später im Film, die Polaroids, die Lucia am Anfang in der Wohnung ihrer Freundes findet, entstehen im Film erst knappe 20 Minuten Laufzeit später. 

Für die Figur des Lorenzo ist die Figur der Lucia der Testleser, dem er seine erotischen Szenen, die er in seinen Erzählungen schildert, vorlegt, wobei er sich immer in der Position des Protagonisten sieht. „Film heißt mit schönen Frauen schöne Sachen anzufangen“ meinte einst Truffaut, und Medem stößt in das selbe Horn und seine Schauspielerinnen ziehen, es ist ja ein europäischer Film von vor einem viertel Jahrhundert, anstandslos mit und die Chemie zwischen Vega und Ulloa ist perfekt. Die Kameraarbeit eines Kiko de la Rica gibt immer die Stimmungen der jeweiligen Erzählung wieder, regelmäßig spiegelt sich Lucia in den Hintergründen der Bildschirme, an der sie mal schnell den jeweiligen Aspekt der Persönlichkeit ihres Freundes ließt. Lorenzo ist sich nicht ein vorgebliches Rätsel wie Orson Welles Mister Arkadin, zumindest die autofiktionale Geschichte die die Filmfigur Lorenzo uns hier indirekt  erzählt ist die eines typischen Mannes. Wer dies schöne Lied erdacht, sang's in einer Sommernacht lustig in die Winde. Ähnlich beschwingt genießt man diesen Film, auch ohne Linde.

[1] Lubitsch meinte ja einst in seiner Fassung der Noel Coward Komödie Design for Living das klappe nur ohne Sex um dann doch einwandfrei zu funktionieren.

IMDB-Link: 
https://www.imdb.com/title/tt0254455/reference/


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