
(USA 1973)
In den späten 1920ern hatte sich das Verbechen in den USA an den technologischen Fortschritt angepasst und gelernt mit den operativen Lücken des föderierten Rechtssystems effektiv zu arbeiten. Ein Banküberfall war zwar eine schwere Straftat, doch deswegen konnte man nicht unbedingt im Nachbarstaat belangt werden. Während man sich in den Städten mehr mit dem Alkoholschmuggel und dem damit verbundenen organisiertem Verbrechen herumschlagen musste, gab es auf dem flachen Hinterland der großen Flächenstaaten des Mittleren Westens nur einzelne Banden, die sich auf Banküberfalle spezialisierten. Heute ist da nur noch das Verbrecherpärchen Bonnie und Clyde bekannt, und natürlich der Namensgeber dieses Films, der damalige Staatsfeind Nummer 1 John Dillinger, dem Hollywood mehr als einen Film [1] widmete.
Samuel Z. Arkoff ist einer der großen Ermöglicher Hollywoods, denn er war als Produzent vieler billiger Produktionen die große Starthilfe für viele heute berühmte Regisseure wie George Lucas, Martin Scorcese und eben auch in diesem Fall John Milius. Bei diesem Namen verfallen bestimmte Kreise aufgrund seines Red Dawn nicht ganz ungerechtfertigt in Schnappatmung, aber als Vertreter einer sich für Law and Order einsetzenden Denkschule steht er heute eher im Abseits einer auf dediziert „links“ gerichteten Filmindustrie.

Entsprechend sind die Charaktere hier im Film eben noch von „echten Schrot und Korn“, dem Gangster John Dillinger (Warren Oates) mit seinen psychopathischen Komplizen wie „Babyface“ Nelson (Richard Dreyfuss) steht der nicht weniger psychopathische FBI-Mann Mevis Purvis (Ben Johnson) gegenüber. Dillinger lässt gleich zu Beginn sein Selbstverständnis raushängen, als er bei einem Banküberfall einem Opfer sagt, dass er jetzt mit der Erzählung über den Überfall durch den besten Gangster jetzt in den Medien viel Geld machen kann „Dein großer Moment – mach ihn nicht zu Deinem letzten.“ Für das FBI heißt es „schieß Dillinger nieder – wir werden schon dafür sorgen, dass das legal ist.“ Milius war ein gefragter Drehbuchautor – das für Apokalypse Now war auch von ihm - und mit dieser Eröffnung werden uns beide Seiten prägnant vorgestellt. Milius verwendet über dem Vorspann, einer Photomontage aus verschiedensten Photos aus der Zeit im Stile einer Ken Burns Doku natürlich auch die passende Musik, We're in the Money aus Goldgräber von 1933, aber genau diese Frage, was man denn mit dem Geld macht, und ob dies Dillinger wirklich wichtig ist, das fragt Milius auch uns.
Dillinger will, so wird uns in einem der ruhigeren Momenten zwischen den einzelnen Überfällen, sei es auf Geschäfte und Banken, seitens Dillingers, sei es auf Gangster durch die Polizei, jedenfalls im Gespräch mit seiner Freundin Billie (Michelle Phillips) nahegelegt eigentlich nur in der Zeitung stehen, doch die Überfälle werden sehr schnell blutig. Für Purvis ist der Antrieb ganz einfach Rache für erschossene Kollegen, seine Vorbereitung auf eine Verhaftung wird auch als Ritual zelebriert, Handschuhe, Zigarre und die Waffe wird ihm von einem Kollegen in die Hand gedrückt und das hat etwas meditatives, dem dann als absoluter Kontrast der Schusswaffeneinsatz folgt[2].

Die Art wie Dillinger nach eine Festnahme aus dem Gefängnis entflieht und den Gefängnisdirektor dann auch noch zum Komplizen in einem Banküberfall macht, schildert Milius in einem trockenem lakonischen Stil, ganz im Gegensatz zum großen Shoot-out, bei dem fast die gesamte Gang erschossen oder verhaftet wird, inklusive Billie, die aber noch Purvis ganz als Dame behandelt wird. Dass das ganze ein makaberes Spiel mit blutigem Einsatz ist, wird regelmäßig hervorgehoben, zum Beispiel im Gespräch Purvis mit dem kleinen Jungen, der mit seinem Freund Räuber und Gendarm spielt oder mit der Austauschbarkeit beider Seiten, als der Kinomanager in Chicago die bereitstehenden Polizisten für Mafialeute hält. Und ja, Clois Leachman bekommt noch ihren großen Auftritt als Anna Sage, die Lady in Red. Die Schlußzene wurde dann ja zum Aufhänger für einen anderen Film ein paar Jahre später wurde.
Dillingers Vater brachte machte ja bereits ein Jahr nach Dillingers Tod 1935 seinen Namen zu Geld in dem er auf mit einem Vortrag Verbrechen lohnt sich nicht auf Tour ging. Es entstanden zwar ein paar Gangsterfilme in Hollywood die von dieser Art der Bandenkriminalität inspiriert war, dar aber der Hayes-Code ab 1934 die Glorifikation von Gangstertum verbat, wurde die Verbrechensbekämpfung in Filmen wie G-Man in den Mittelpunkt gestellt. Einen Rückblick auf diese Ära amerikanischer Kriminalitätsgeschichte war dann erst wieder für das New Hollywood ein Thema, man denke Zwei Banditen und The Wild Bush neben dem schon genannten Bonnie and Clyde.

[1] Das Monogram Studio, was bisweilen außerhalb des Codes operierte, brachte 1945 seinen Dillinger Film heraus, aber die großen Studios stellten den Kriminellen als Kranken wie in White Heat da.
[2] Bei den dünnen Wänden kann man Verstehen, warum es einen Markt für kugelsichere Unterhemden gibt.

IMDB-Link: https://www.imdb.com/title/tt0069976/reference/
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